Filmgespräch zum Dokumentarfilm “Hüllen“

Allgemein

mit Frau Emel Zeynelabidin

Die Jahrgangsstufe 7 hat im Fachbereich Religion und Ethik Frau Emel Zeynelabidin am Dienstag, den 21. Januar 2020, in unser Kultidrom zu einem Filmgespräch eingeladen.

Die Autorin Frau Zeynelabidin gilt als Aktivistin im interreligiösen Dialog und wurde unter anderem 2007 mit der Auszeichnung des renommierten Lutherpreises „für das unerschrockene Wort“ geehrt. Der Dokumentarfilm „Hüllen“ porträtiert sie und ihre Geschichte im Kontext familiärer und politischer Ereignisse. Unsere Schüler*innen und Lehrer*innen hatten nun die Möglichkeit, Fragen zu dem Film „Hüllen“ und zu Frau Zeynelabidins Leben und Meinungen zu stellen.

Im Zentrum des Films steht Frau Emel Zeynelabidin. Nach 30 Jahren legte sie das Kopftuch, das sie als gläubige Muslimin auszeichnete, ab, ließ sich von ihrem Ehemann, mit dem sie als junge Frau verheiratet worden war, scheiden und machte sich auf, ihre eigene Identität, ihren eigenen Lebensweg selbstbestimmt zu finden.

Frau Zeynelabidin ist 1960 in der Türkei geboren. 1961 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland. Hier wuchs sie als Tochter eines Arztes und Mitgründers der „Türkischen Union Europas“ in einer wohlhabenden und angesehenen türkischen Familie im Geflecht von Bildung, Moderne und Tradition auf. Mit 12 Jahren bekam sie ihr Kopftuch und wurde nach ihrem Abitur mit 19 Jahren verheiratet. Innerhalb dieser arrangierten Ehe wurde sie Mutter von sechs Kindern, studierte Anglistik und wurde politisch sehr aktiv. Sie engagierte sich in Berlin als Vorsitzende im islamischen Frauenverein Cemiyet-i Nisa e. V. und begründete den 1. islamischen Kindergarten, die 1. islamische Schule in Deutschland und einen Sportverein für islamische Frauen mit.

Die politische Lage 2004/05 mit der Diskussion um ein Kopftuchverbot wird zum einschneidenden Moment und Thema in Frau Zeynelabidins Leben. Öffentlich setzte sie sich in der Kopftuchdebatte für die Selbstbestimmung der Frauen ein. Lange Zeit hatte sie die traditionelle, konservative Sichtweise ihres Vaters geteilt und 30 Jahre lang ihr Kopftuch getragen. Doch nun begann sie zu hinterfragen, was sie als Glaubensvorschriften gelernt hatte und praktizierte. Sie lotete die Grenzbereiche zwischen Regelgläubigkeit und Eigenverantwortung, zwischen Dogmatismus und Toleranz aus, bis sie schließlich 2005 ihr Kopftuch ablegte und sich endgültig davon trennte.

Frau Zeynelabidin sagt: „Ich bin erstaunt darüber, wie wenig informiert Muslime sind, wenn es um die theologischen Quellen bezüglich dieses Themas geht. … Es wird meistens aus Verpflichtung geglaubt, aber nicht mit Überzeugung aufgrund eigener Erkenntnisse. Mit dem Verweis auf das Befolgen von Gottes Willen und die Einhaltung einer religiösen Pflicht geben sich immer noch sehr viele Frauen zufrieden, ohne genauere Fragen zu stellen. … Es sind diese Offenbarungsgründe, aber auch meine eigenen Erfahrungen, durch die ich erkannt habe, dass es sich bei der koranischen Verhüllungsempfehlung um eine praktische Maßnahme handelt, die heute wegen eines entwickelten Selbstverständnisses von Mann und Frau völlig überflüssig ist. Damals gab es eine einfache, praktische Notwendigkeit für diese Körperverhüllung: Frauen wurden von Männern belästigt, weil sie (ohne Kopftuch) mit den Sklavinnen verwechselt wurden.“

Viele aus ihrem privaten und öffentlichen Umfeld konnten diese Einstellung und dieses Verhalten nicht verstehen und meiden sie seither.

Der Kopftuchstreit wurde für Frau Zeynelabidin zum Auslöser einer neuen Lebenseinstellung des kritischen Auseinandersetzens und Hinterfragens und der Selbstbestimmtheit. So kam es auch zur Trennung von ihrem Ehemann. Sie zog aus und suchte sich in der Nähe eine neue Wohnung. Orientiert an der zweiten Sure: „Lebt in Güte zusammen oder trennt euch in Güte.“ regelten sie die neuen Familienverhältnisse. Die Kinder blieben beim Vater wohnen, und sie hielt jeden Tag Kontakt zu ihnen.

Auf das, was sich in ihrem Leben alles änderte, wurde im Gespräch zwischen Schüler/innen, Lehrer/innen und Frau Zeynelabidin näher eingegangen. Mit großer Offenheit berichtete sie über ihr Familien-, Ehe- und Berufsleben und ihren Weg der Eigenfindung.

Mit ihrem Engagement in der Öffentlichkeit möchte sie auch andere Frauen dazu ermutigen, ihren eigenen Weg zu suchen und zu gehen.

Keineswegs geht es ihr darum, alle Musliminnen zu überreden, ihr Kopftuch abzulegen, sondern vielmehr will sie überzeugen, dass jede Frau und überhaupt jeder Mensch für sich selbst herausfinden und entscheiden sollte, was gut und richtig für sie bzw. ihn ist.

Ihr beispielhaftes Leben und engagiertes Wirken in Text und Wort ist zu verstehen als eindringlicher Appell für das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, für Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Gleichberechtigung. Diese Werte sollten in einer demokratischen, aufgeklärten Gesellschaft für Jede und Jeden eine Selbstverständlichkeit sein. Hätte sie im Iran oder Saudi-Arabien gelebt, so erklärte sie im Gespräch, hätte sie gar nicht daran denken können, das Kopftuch nicht mehr zu tragen. Sie hätte sich nicht verwirklichen können. Die Freiheit der persönlichen Entwicklung konnte nur in einem Land wie Deutschland stattfinden.
Zudem ruft sie auf zu gegenseitigem Respekt und offener Toleranz. – Respekt vor der Würde eines jeden Menschen! – Respekt vor dem Willen und den Entscheidungen eines jeden Einzelnen!
Diese Botschaft richtet sich an uns alle und verbindet uns, gleichwohl welchen Geschlechts, welchen Alters, welcher Herkunft und welcher Religion wir sind.
Die Schüler/innen und Lehrer/innen dankten Frau Emel Zeynelabidin für ihr Kommen und ihre mutige, bereichernde Art. Hut ab und alles Gute für ihren weiteren Lebensweg!

Sehr empfehlenswert zu lesen sind auch die Bücher von Frau Emel Zeynelabidin:
„Erwachsen wird man nur im Diesseits“ und „Augenblicke meines Lebens“.

Melanie Roithmeier

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