Schule ohne Lehrer

Allgemein

Eine Kurzgeschichte aus der 7a

Leo war ein sehr netter, hochgewachsener, dünner 14-jähriger Junge und, wenn es nach seiner Mutter ginge, der nächste Einstein. Seine Hobbys waren Zocken, Fußball und vor allem Naturwissenschaften. Er ging in die 8. Klasse eines Gymnasiums in Kopenhagen und hatte schon einige Preise bei europäischen Wettbewerben abgeräumt. In seiner Klasse hatte er nicht viele, aber dafür 2 um so bessere Freunde, die immer zu ihm hielten. Das war gut für ihn, da er etwas introvertiert war und häufiger seine Sachen verlegte. Er war der beste in Naturwissenschaften wie Klimaforschung (ein Wahlfach) und Physik und in Englisch. Doch dafür lagen ihm die anderen Fächer wie Kunst, Sport und Musik nicht so.

Er war nur „fast“ normal, da er ein eigenes Erfinderlabor mit 3D-Drucker im Keller hatte. Außerdem zockte er andere Spiele als ein normaler Vierzehnjähriger. Fortnite und Ähnliches zockte er nicht, sondern nur „Erfinderspiele“, wie er sie selbst nannte. In diesen Spielen konnte er alles bauen, was ihm in den Sinn kam, und schauen, ob es funktioniert.

Seine Mutter war, wie auch sein Vater, Klimaforscherin. Sie war alleinerziehend, nachdem Leos Vater bei einer Forschungsreise verunglückte. Seitdem nahm seine Mutter ihn auf ihre Reisen mit, weil er nicht mehr allein zuhause bleiben wollte. So auch dieses Mal.

Es sollte ein halbes Jahr lang in den höchsten Norden Grönlands gehen, so weit wie möglich an den Nordpol heran. Seine Mutter und ihr Forscherteam wollten dort Näheres zu früheren Hitzeperioden herausfinden. Leo sollte, wie immer, an dem Unterricht per Skype teilnehmen. Doch nachdem sie mit der Polarstern angekommen waren und ihr Lager aufgeschlagen hatten, stellte Leo dies vor ein Problem: Es gab kein Netz.

Seiner Mutter, die am Morgen früh schon aus dem Zelt in die eisigkalte, einsame, von Schneestürmen geplagte Umgebung hinausstiefelte und erst am späten Abend zurückkehrte („Den Polartag muss man voll und ganz ausnutzen“), sagte er nichts. Er persönlich fand Schule überflüssig. Zum Erfinden mit seiner Erfindersoftware brauchte er nicht mehr als Kreativität, und die hatte er. Zum Umsetzen seiner Erfindungen benötigte er dann noch seine mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten. Er hatte also alles, was er seiner Meinung nach brauchte. Da er nicht an dem Unterricht teilnehmen konnte, was er schon geahnt hatte, spielte er den Tag über auf seiner Nintendo Switch Erfinderspiele. Als er seine Mutter fragte, ob er mitkommen dürfe, verneinte sie dies. Leo wusste, dass dies daran lag, dass sein Vater bei einer ähnlichen Mission verunglückt und gestorben war.

Eines Nachts träumte er, in einen dicken Schlafsack gehüllt, etwas Komisches. Im Traum war er in einer riesigen Stadt, in der eine seltsam klingende Sprache gesprochen wurde und Schriftzeichen auf Plakaten zusehen waren. „China“, dachte sich Leo. Doch wo war er genau? Dies sollte er nicht mehr herausfinden, denn plötzlich hörte er eine weibliche Stimme neben sich. Er drehte sich um und erstarrte. Dort, nur zwei Meter neben ihm, stand Margarethe II., die Königin von Dänemark. Doch als er sich verbeugte und ihr die Hand schütteln wollte, griff er durch sie hindurch. Margarethe II. sagte: „Wir sind nicht wirklich hier. Das ist nur ein Traumbild, aber keinesfalls ein Trugbild. Folge meinen Anweisungen und geh nach China. Finde den Ursprung des Virus‘, der die ganze Welt in Atem hält. Ich weiß, dass du dieser Aufgabe gewachsen bist. Wenn du Erfolg hast, lass’ deine Beweise dem Vater von Luke. Der weiß, was zu tun ist.“ Bevor Leo nachfragen konnte, wohin er reisen sollte und warum er dafür auserwählt wurde, rüttelte ihn seine Mutter wach. Es war, wie sie dachte, Zeit für die Schule.

In der Schule wunderte man sich, dass er nicht anrief, doch als sie von sich aus Leos Nummer anriefen, war er nicht erreichbar. Also fingen sie an, die Tafelanschriebe abzufotografieren und auszudrucken, Buchseiten, in denen gearbeitet wurde, aufzuschreiben und Arbeitsblätter zu sammeln. All dies legten sie in einen Schuhkarton. Aus einem Karton wurden zwei, aus zwei drei und so weiter.

Leo wurde langsam das Erfinden im Zelt zu langweilig, also baute er sich ein (vorher entworfenes) Iglu, in dem er dann weiter erfand und über seinen Traum nachdachte, da er manchmal unter Kopfschmerzen litt, wenn er sich zu lange auf schulische Dinge konzentrierte.

Mittlerweile war seine Zeit auf Grönland vorüber und sie traten die lange Heimreise an. Zwei Wochen später war er wieder zu Hause in Kopenhagen. Da gerade Wochenende war, traf er sich mit seinen Freunden auf der CopenHill, einer Kunstrasenskipiste über einer Müllverbrennungsanlage. Als er am Montag wieder in seine Klasse ging, traf ihn fast der Schlag. Seine Klassenlehrerin führte ihn zu dem Klassenregal, in dem normalerweise Bücher zum Lesen Standen. Doch anstatt dieser Bücher stapelten sich dort dort sage und schreibe 34 randvolle Schuhkartons. Seine Lehrerin sagte mit einem süffisanten Lächeln: „Die Anschriebe von den Fotos bitte abschreiben, die Buchseiten bearbeiten und die Arbeitsblätter ausfüllen. Der Abgabetermin ist in genau 3 Wochen und fünf Tagen, zum Schuljahresende.“

Doch auch hier kam wieder etwas dazwischen – zum Glück, da Leo dies nie pünktlich geschafft hätte.

Eine Woche später waren folgende Schlagzeilen in der Zeitung:

Sonntag, 02. Februar 2020 06.50: Erster COVID-19 Toter außerhalb Chinas

Freitag, 13.03.: Schulschließungen als Maßnahme gegen Corona beschlossen

„Toll“, dachte Leo. „Jetzt kann ich den ganzen Tag erfinden.“

Jetzt könnte man denken, dass Leo doch Schulaufgaben machen müsste, wie die ganzen anderen Schüler. Zusätzlich sind da ja noch die 34 Schuhkartons, deren Inhalt er auch noch bearbeiten musste. Doch das ist falsch. Leo hat sich sofort an die Arbeit gemacht, um den unnötigen Schulaufgaben zu entgehen. Während seine Mutter mit der Auswertung ihrer Messdaten beschäftigt war, werkelte er fleißig im Labor.

Und was wuchs da heran?

Eine Schulaufgabenbearbeitungsmaschine. Er entwarf sie zuerst auf seinem Computer und druckte sie dann aus. Ebenfalls erfunden wurde ein Robo-Leo, ein Kasten, der Geräusche von sich gab, als würde Leo in seinem Erfinderlabor arbeiten, essen und schlafen. Das war keine Seltenheit, deswegen stand in einem angrenzendem Raum ein Bett, eine Kochnische und ein Tisch. Seine Mutter würde sich keine Sorgen machen, denn in diesem Punkt war Leo wie sie: Wenn er woran arbeitete, ruhte er nicht, bevor er es vollendet hatte. Außerdem mochte er es gar nicht, wenn er bei seiner Arbeit gestört wird.

Jetzt konnte er sich mit den wirklich wichtigen Dingen beschäftigen.

Als erstes schaute er in dem prall gefülltem ledernen Geldbeutel nach, der auf seinem Tisch lag, als er wieder nach Hause kam. Danach setzte er sich an seinen Computer und recherchierte den Ursprung des Virus’: der Fischmarkt in Wuhan. Doch es gab auch andere Theorien: In der Nähe des Fischmarktes in Wuhan war ein Hochsicherheitslabor mit der Sicherheitsstufe 4, in dem über Fledermäuse geforscht wird, da diese Brutställe für gefährliche Krankheiten darstellen, gegen die die Fledermaus immun ist. So auch das Virus COVID-19.

Leo nahm seinen gefälschten chinesischen Pass, seinen kugelsicheren Anzug, seinen Raketenwerfer-Regenschirm und etwas Schminke zur Hilfe und schon war er ein eleganter chinesischer Geschäftsmann. So konnte er nach China einreisen und dort in häusliche Quarantäne gehen. Dies hielt er allerdings nicht ein, da er vorher am Nordpol war und das Virus noch nicht in Kopenhagen angekommen war. Die achtspurigen Straßen waren menschenleer und es fuhren auch nur vereinzelt Fahrzeuge.

Leo machte sich auf den Weg zum Fischmarkt. Zum Hochsicherheitslabor würde er später gehen, das war nur 300 Meter entfernt. In so einer riesigen Millionenmetropole war das wirklich keine Entfernung. Er fuhr auf seinem „Rollbrett“, einer Kunststoffplatte mit Rollen, die von einem leistungsstarken E-Motor angetrieben wurde. Er konnte es wie ein Hoverboard steuern.

Der Fischmarkt war ebenso wie der Rest menschenleer, doch das war nicht schlimm. Er versuchte, sich den Geruch von liegengebliebenem, halb verfaultem Fisch auf regennassen Pflastersteinen inmitten der riesigen Hochhäuser wegzudenken und konnte sich bildlich vorstellen, wie sich hier das Virus verbreitet hatte. Doch vorstellen war längst nicht so genau, wie seine VirtualGlasses, die wie eine Sonnenbrille aussah, doch viel mehr konnte. Mithilfe dieser Brille konnte er sich in die Überwachungskameras reinhacken und löschte als erstes seine Person aus den Aufzeichnungen.

Er war undercover unterwegs. Dann schaute er sich die Aufzeichnungen im Infrarot-Modus an, durch den er die erhöhte Körpertemperatur eines Menschen feststellen konnte (oder eher seine Brille, denn sie markierte wegen eines Befehls automatisch alle Menschen mit Fieber).

Am Anfang sah er einige Menschen mit Fieber, doch als er die Sucheinstellungen auf Husten und Durchfall erweiterte (es gibt in China auch Kameras in öffentlichen Toiletten, die allerdings nicht Leo, sondern seine Brille automatisch durchsah), sah er nur noch einen Menschen mit diesen Kriterien, bevor immer mehr Menschen die typischen Symptome hatten. Das ist er, dachte Leo sich und verfolgte den Weg dieser Person zurück. Bevor diese Frau auf dem Fischmarkt war, war sie in verschiedenen Supermärkten einkaufen und hatte eine ältere Frau, wahrscheinlich ihre Mutter, in einem Krankenhaus besucht. Und die ganze Zeit trug sie keinen Mundschutz, durch den sie ihre Mitmenschen vor dem Virus geschützt hätte. Wenn er die Kontaktpersonen der Frau verfolgt hätte, hätte er bei einem Großteil dieselben Symptome festgestellt. Doch darum ging es nicht. Er wollte den Ursprung des Virus herausfinden und aufzeigen, damit verstärkt darauf geachtet wird, dass so etwas oder etwas Ähnliches nicht wieder passiert.

Nach 4 Stunden wurden die Symptome der Frau schwächer, bis nach 6 Stunden nichts mehr zu erkennen war. Leo gab der Brille die Anweisung, die Frau weiterzuverfolgen ohne die Filter zu ändern. So spielte sich der Tag der Frau rückwärts auf der mit kleinen Bildschirmen versehenen Brille ab, während Leo sich langsam auf den Weg zum Hochsicherheitslabor machte. Das Glas der Brille war so konzipiert, dass man sowohl etwas auf der Brille angezeigt bekommen kann und gleichzeitig auf den Weg vor sich schauen kann.

Es wurde Morgen und die Frau lief rückwärts in ihre Wohnung, da ja alles rückwärts lief. Dort stach Leo etwas Rotes ins Auge: Der Mann der Frau war ebenfalls infiziert. Und bei ihm war die Inkubationszeit schon vorbei, also hat er das Virus früher als seine Frau bekommen. „Zielperson ändern auf den Mann neben der Frau“, befahl Leo seiner Brille. Nach drei Tagen verblassten auch dessen Symptome, doch Leo erfuhr schon vorher, wo der Mann arbeitete: Im Wuhan Institute of Virology, dem Hochsicherheitslabor in Wuhan. Und dort hatten ebenfalls Leute die Symptome.

Leo ließ noch mal mit einem Scan das gesamte Land an diesem Tag überprüfen und diese vier Leute waren die einzigen Infizierten im ganzem Land. Diesen Scan schickte er an seinen Freund Luke, dessen Vater in der Regierung Dänemarks saß. Dazu schrieb er: „Scan über ganz China. Ergebnis: Einzige COVID-19 Infizierte im Wuhan Institute of Virology“ Dann brach er die Tür des Institutes auf, ging den leeren, weiß getünchten Gang entlang, zog sich einen Schutzanzug an und holte sich eine Fledermaus aus dem Labor. Diese verfrachtete er in seine Aktentasche und er nahm den nächsten Flieger nach Kopenhagen. Er verzog sich kurz in die Flughafentoiletten und heraus kam ein hochgewachsener, 14 Jahre alter Junge mit einer großen Reisetasche über dem Rücken. Gerade rechtzeitig, denn Leo hatte vergessen, sich aus denAufzeichnungen des Hochsicherheitslabors zu löschen. Durch das fast leere Flughafengebäude stiefelten gerade 3 fies aussehende Männer in schwarzen Anzügen und mit dunkler Sonnenbrille, obwohl die Sonne gar nicht schien. „Die werden sich wundern“, dachte Leo. Denn er hatte sich bei seinem Einbruch in das Labor Latexhandschuhe mit dem Profil des Fingerabdrucks des Chefs des chinesischen Geheimdienstes angezogen. Lächelnd trat er aus dem Flughafenterminal und sah schon die Schlagzeilen im Kopf vor sich: Geheimdienstchef bricht in Labor ein und Laborfehler ist Schuld an Corona – Patient null endlich gefunden

Leider hatte er in China nicht genügend aufgepasst, merkte er nach acht Tagen. Denn er bekam Fieber und Husten. Er lies sich testen. Das Testergebnis stand nach wenigen Tagen fest: Er hatte Corona.

Vielleicht sollte man doch besser die Maßnahmen der Regierung beachten.

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